Alles begann damit, dass Rouhan unerwartet Besuch von ihrem alten
Freund, dem Hehler Gharys bekam, welcher ihr bei einem guten Glas
Wein einen wohl ebenso guten, wenn nicht gar lohnenden Tipp gab. Ein
gewisser Lord Perry sei gestern im Laufe der Nacht recht schlecht
gelaunt in der Taverne zum Goldenen Anker eingekehrt. Und mit ihm
ein ziemlich ansehnlicher Samtbeutel von nicht unbedeutsamer Größe,
welchen er keine Sekunde aus den Augen ließ. Mitunter vielleicht
wertvoll, doch genau ließe sich das erst sagen, wenn man diesen
selbst in Händen hielte.
Die Taverne zum Goldenen Anker hatte einen recht schlechten Ruf. Und
das nicht nur wegen des wohl ungenießbaren Essens. Es war eine
schmutzige, wenn auch durchaus gut besuchte Spelunke unten an der
alten Wehrgasse. Dort, wo sich das Gesindel traf, und nur selten
ehrbare Leute Einzug hielten. Doch Lord Perry war des Öfteren dort
anzutreffen. Gerade jetzt, wo sein Großonkel ihm den Geldhahn
abgedreht haben soll, reichte es wohl nicht mehr so recht zum Spaße
in den guten Häusern der Stadt. Gharys hatte ihr den Plan des
Goldenen Schlosses gleich mitgebracht. Natürlich zu den üblichen
fünfzehn Prozent Beteiligung, versteht sich. Wie es halt üblich war
in jenen Kreisen. Aber es sollte auch nicht allzu schwierig werden,
die Zimmernummer seiner Lordschaft herauszufinden. Sie müsste nur
einen Blick in das Gästebuch werfen können, alles andere würde sich
dann schon von selbst finden.
Sicher, seine Lordschaft würde gut bewacht sein, aber bei weitem
nicht so schwer, wie in seinem Anwesen auf Burg Morghad. Dies sollte
die Sache schon um einiges erleichtern. Doch ob sich der Aufwand
überhaupt lohnen würde? Sie vermochte es noch nicht so recht
einzuschätzen, doch nachdem Lord Perry den samtigen Beutel scheinbar
hütete wie seinen Augapfel, musste dieser einfach wertvoll sein.
„Gehst Du noch heute Nacht?“, fragte Ghary, während er Rouhan etwas
seltsam anblickte. „Wann und mit welcher Ausrüstung wirst Du
einsteigen? Welchen Weg wirst Du wählen?“, fügte er hinzu. Doch Rouhan zögerte mit einer Antwort, während sie noch einige
Kerzen auf dem Kaminsims anzündete, und sich ihre Worte wohl
überdachte. Ghary war ein Freund, doch solche Fragen waren unüblich,
zwischen Dieb und Hehler ebenso wie auch unter Freunden in diesen
Kreisen.
„Ich weiß noch nicht so recht, Ghary.“, entgegnete Rouhan etwas
vorsichtig, und fügte hinzu: „Vielleicht gehe ich auch erst morgen
oder übermorgen. Lord Perry bleibt ja meist einige Tage in der
Stadt, ehe er sich wieder auf Burg Morghad zurückzieht. Ich denke,
ich werde erst morgen gehen!“ Die beiden verabschiedeten sich etwas
verhaltener als sonst, und Rouhan dachte noch lange Zeit über die
unbedarfte Neugier ihres Freundes nach. Was steckte dahinter? Etwas
stimmte nicht. Es war schon spät geworden, und Rouhan überlegte ernsthaft, ob sie
nicht doch noch in dieser Nacht in die Taverne zum Goldenen Schloss
einsteigen sollte. Nicht mehr lang, und die ersten warmen Strahlen
der Morgendämmerung würden den Horizont erhellen und ihr Vorhaben
unmöglich machen. Doch schon morgen könnten sich die Dinge bereits
geändert haben. Rouhan entschloss sich also dazu, noch in jener
Nacht Lord Perry zu besuchen und sich seines samtigen Beutels
anzunehmen, der ohne Frage einen gewissen Wert haben musste. Viel an
Ausrüstung würde Sie wohl nicht benötigen. Lediglich den Bogen und
ein paar Wasserpfeile, vielleicht auch noch ihr Kurzschwert. Und
nicht zu vergessen natürlich den Bund mit den Dietrichen,
wichtigstes Instrument ihres Berufsstandes. Nur den Stadtwachen
durfte sie keinesfalls über den Weg laufen. Denn die waren nun
wirklich nicht allzu gut auf Rouhan zu sprechen. Vor allen Dingen
nachdem in der vergangenen Zeit einige doch mehr oder weniger
wertvolle Truheninhalte den Besitzer gewechselt hatten. Die
Soldbeutel der Stadtwachen sind am Anfang des Monats stets
verlockend gut gefüllt. Die hohen Herren sind nicht geizig was ihren
Schutz angeht, und lassen sich diesen auch durchaus etwas kosten.
Doch schon zu oft stand Rouhan im Verdacht, mit dem Verschwinden des
einen oder anderen wertvollen Gutes in Verbindung zu stehen. Viele
fürchteten sich gar vor ihr. Rouhan, die nicht eben gerade
zimperlich mit ihren Widersachern umging, und schon so manchen
Steckbrief zierte. Doch nie konnte man ihr wirklich etwas
nachweisen, stets breiteten die Hüter den Mantel des Schweigens über
ihr aus, und schützten Rouhan so auf ihre Weise. Rouhan kannte fast
einen jeden der Wachen. Es gab wohl auch kaum einen unter ihnen, dem
nicht schon einmal auf seltsame Art und Weise das eine oder andere
Geldstück auf Rouhans Art verlassen hatte. Geschweige denn der
Schmuckstücke ihrer Herren und Herrinnen. Die schmalen Gassen der Stadt waren feucht und dunkel, verlassen,
und selbst die Öllampen am großen Ratsplatz, an welchem Rouhan
unweigerlich vorbei musste, waren bereits vor Stunden erloschen.
Eine Stadtwache schlummerte volltrunken auf der Bank neben dem
Brunnen, während eine andere an der Biegung zur Wehrgasse entlang
patrouillierte. Die Uhr oben auf dem Turm der Kathedrale hatte
bereits dreimal geschlagen, als Rouhan über kleine und geheime
Umwege die Taverne zum Goldenen Anker erreichte. Ein kleines Fenster
an der Rückseite der Taverne, dessen Riegel schon seit Monaten
gebrochen war, diente Rouhan wie so oft in letzter Zeit als Einlass.
Die Vorratskammern der Taverne waren stets gut bestückt. Zu dumm vom
alten Wirt den Schaden am Fenster nicht endlich beheben zu lassen,
denn Rouhan versorgte sich auf diesem Wege schon seit Wochen mit Rum
und allerlei Köstlichkeiten aus den Vorratskellern. Ruhig und dunkel
war es auf den Fluren der Taverne. Entfernt war ein lautes
Schnarchen zu hören, und der Rest einer glimmenden Fackel gab nur
spärlich Licht auf die Treppe, welche nach unten in den Schankraum
führte. Dort befand sich auch das besagte Gästebuch, wo sich auf
Befehl der Stadtwachen jeder Gast namentlich eintragen musste. Lord
Perry trug sich natürlich nie mit seinem rechten Namen dort ein.
Doch stets nächtigte angeblich ein Lord Morghad in den unseligen
Räumen dieser Kaschemme wenn auch er dort verweilte. Blödsinn, denn
jeder in der Stadt kannte Lord Perry, den Begünstigten der Herren
von Burg Morghad. Sein Großonkel hielt bisher stets schützend die
Hand über ihn. Warum er ihm nun jedoch den Geldhahn abgedreht hatte?
Irgendetwas musste vorgefallen sein im Hause Morghad. Man würde ja
noch sehen…
Doch nun sollte Rouhan sich eilen, und schnellstens die
Zimmernummer des Lords herausfinden. Unten im Gästebuch des Wirts
unter dem Namen Morghad. Viel Zeit blieb ihr nicht mehr bis zum
Morgengrauen. Doch gerade in jenem Moment als die Fackel am oberen
Ende der Treppe vollends verlosch, und Rouhan mit einem beherzten
Sprung über das Treppengeländer hinunter hinter die Theke springen
wollte, öffnete sich mit einem lauten Knarren die Tür am hinteren
Ende des Korridors, und der Schein des Kaminfeuers leuchtete ein
Stück die oberen Etage aus. Rouhan drückte sich mit aller Macht
gegen die Wand, und mit ihr verschwand auch ihr Schatten in der
Dunkelheit...