Geh- ...und schau nicht zurück
Langsam und behutsam drückte ich die Türklinke etwas herunter,
worauf sich mit einem leisen Knarren die Tür einen Spalt breit
öffnete. Doch viel erkennen konnte ich nicht als ich meinen Kopf
vorsichtig durch den schmalen Spalt der Tür steckte. Nur ein
wenig Mondlicht erhellte den Raum und auf die Frage ob ich
hereinkommen dürfe, kam ein zaghaftes und kaum hörbares „Ja“.
Ich weiß nicht was ich dachte als ich den dunklen und vom Mond
wenig erleuchteten Raum betrat, doch die Umrisse eines auf dem
Bett sitzenden Mädchens ließen mein Herz sofort höher schlagen.
So hoch, dass ich meinte es würde mir geradewegs aus dem Hals
springen. Nur langsam näherte ich mich ihr, behutsam und
vorsichtig. Das Fenster war leicht geöffnet und ein kurzer
Windstoß fuhr in das Zimmer, wirbelte durch ihre langen Haare
und schlug mit einem lauten Knall die noch leicht geöffnete Tür
hinter mir zu. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die
Dunkelheit und als würde ich mit einem Schlag all meine
Schüchternheit vergessen haben, strich ich ihr mit meiner Hand
sanft die Haare aus dem Gesicht, während ich versuchte tröstende
Worte zu finden. Sie schluchzte noch immer, mit einer
Traurigkeit welche zu beschreiben unmöglich ist. Den einen oder
anderen Moment wenn der Himmel frei von Wolken war und sich das
Licht des Vollmonds durch das Fenster drängelte, konnte ich ihr
liebliches Gesicht erkennen. Sie faszinierte mich.
Tränen, die im fahlen Mondlicht glänzten wie kleine Diamanten,
rannen über ihr zart anmutendes Gesicht und mit meinem
Taschentuch versuchte ich ihre Traurigkeit zu verwischen.
Zugegeben etwas unbeholfen, da auch mir eine solch intime
Situation doch eher neu war. Doch ließ sie mich gewähren, ließ
mich ihre Tränen aus dem Gesicht wischen und somit vielleicht
auch ein Stück ihrer Traurigkeit. Ich hatte mich bereits neben
sie auf den Rand des Bettes gesetzt und als ich sie so vor mir
sah, strich ich ihr noch einmal zaghaft die Haare aus dem
Gesicht, berührte ihre Wangen und streichelte sanft an ihrem Ohr
entlang. So vergingen wortlos die Minuten und ich wusste nicht,
wie sie auf meine noch etwas unbeholfenen Berührungen reagieren
würde. Die anfängliche Unbeholfenheit meinerseits blieb ihr wohl
nicht verborgen und doch schlang sie in der nächsten Sekunde
ihre Arme um mich und begann bitterlich zu weinen. Unwillkürlich
musste ich sie näher an mich heranziehen, sie noch fester in den
Arm nehmen und ganz behutsam an mich drücken. Sie lehnte ihren
Kopf auf meine Schulter und es war gerade so als würde all ihr
Schmerz, ihre Wut, all ihre Verzweiflung und Traurigkeit auf
mich übergehen. Und so wie ich von dieser Situation überwältigt
war, war ich auch überfordert. Zumindest für den Augenblick.
Doch mit jeder Minute derer ich dieses mir noch unbekannte
Mädchen in den Armen hielt, vergingen ihre Tränen ein Stück weit
mehr. Ich weiß nicht was ich in jenem Moment fühlte, konnte kaum
erahnen was sie dachte und wusste nicht ob mir heiß oder kalt
wurde. Beides wohl zur gleichen Zeit und Beides in einem Moment
in dem ich dies sicher nicht erwartet hätte.
Und ich fühlte. Ich wusste nicht einmal was ich fühlte oder
dachte aber es war ein Erleben, welches mich in Bruchteilen nur
eines Augenblickes um den Verstand brachte. Gab es wirklich so
etwas wie Liebe auf den ersten Blick? Denn wenn, dann musste es
mich unweigerlich erwischt haben. Hier und jetzt, in diesem
einen Augenblick. Der eklatant blumige Duft ihrer Haare und ein
feiner Hauch von Parfüm auf ihrem Nachthemd brachten mich fast
um den Verstand. Konnte man sich überhaupt so schnell in eine
Fremde verlieben? Oder spielten mir meine Sinne nur einen
Streich? Immerhin kannte ich sie gerade einmal eine knappe
Stunde, was mir das Schlagen der nahen Turmuhr verriet. Wie ich
selbst, schien auch sie ein Stück weit durcheinander zu sein und
ich hoffte die Situation nicht missverstanden zu haben. Immerhin
war sie tief traurig, verzweifelt und auch wütend. Wie ich
erfuhr, war sie am Nachmittag im Streit mit ihrem Freund
auseinander gegangen. Blöde Situation, auch für mich. Und
ausnutzen wollte ich die schwierige Situation auch nicht, auch
wenn man es vielleicht vermuten könnte.
Und dennoch durchströmte mich in dieser Nacht das allererste Mal
dieses eine Gefühl für welches ich noch heute über alle Maßen
dankbar bin. Seinerzeit war mir das vielleicht nicht bewusst,
doch heute würde ich es unverblümt Liebe nennen. Innige
Zuneigung auf einen ersten Blick den ich so in den Jahren danach
nie wieder wahrzunehmen vermochte.
Nicht, dass ich danach nie wieder geliebt hätte, aber es ist
wohl etwas ganz besonderes wenn es einem beim ersten Mal gleich
so erwischt. Geborgenheit geben zu können, in diesem Ausmaß, war
für mich ein Gefühl das ich so zuvor nicht kannte. Ein
unbeschreibliches Sein in tiefster gegenseitiger Verbundenheit
und innerlicher Ruhe. Ich war überwältigt von der liebevollen
Art in welcher dieses unbekannte Mädchen mit mir sprach, ihre
Verzweiflung mit mir teilte und sich doch auch im gleichen
Atemzug einen Hauch an Hoffnung erflehte. Und mit jeder
vergossenen Träne, jedem Wort und jeder Umarmung wich auch ein
Stück Traurigkeit von ihrer Seele. Bis wir merkten, in welcher
Art und Weise auch immer einander verbunden zu sein. Und sei es
nur für diesen Augenblick, einen kleinen Moment in uns selbst.
Und hätte sich ein solcher Moment auch nie wieder in meinem
Leben wiederholt, wäre mir jener eine für immer unvergessen
geblieben.
Es war schon weit nach Mitternacht als es uns zurück auf mein
Zimmer verschlug. Vielleicht auch nur, weil ständig wieder
andere Pärchen hereingeschneit kamen und störten. Mal kichernd
oder auch einfach nur lauthals lachend. Auf jeden Fall immer
wieder erschrocken und sich insgeheim zurückziehend. Nein,
irgendwie war das blöd und doch verriet ein kurzer Blick in mein
altes Zimmer wie der Rest der Nacht verlaufen würde. Tobi war
mit seiner neuen Flamme Arm in Arm eingeschlafen. Kalle und
Malle, unsere beiden Mitbewohner von der Küste, schienen bereit
anderweitig Unterschlupf gefunden zu haben. Zumindest aber
ließen sie sich bis zum Morgen nicht mehr blicken. Auch Maria
war verschwunden, ein Umstand der mich für kurze Zeit in die
Realität zurückholte. Nahm sie mir vielleicht übel, dass ich in
dieser Nacht nicht bei ihr blieb? Immerhin waren ihre
Intensionen doch andere als nur Freundschaft. Ein blödes Gefühl
und doch war mir das in eben diesem Moment nicht so wahnsinnig
wichtig.
Die schier grauen Schleier meiner trüben Gedanken verwischten
schnell, als mich dieses unbekannte und bezaubernde Wesen mit
den langen rotbraunen Haaren und den Augen glänzend wie
Bergkristalle, liebevoll umschlungen auf das Bett zog. Ihr
rosafarbenes mit Rüschen besetztes Nachthemd wurde dabei vom
Licht des Vollmondes durchleuchtet und gab kurz den Blick auf
das bezaubernde Darunter frei. Wenn auch nur für einen kurzen
Moment, doch lang genug als dass mir der Anblick ihrer
Silhouette förmlich die Luft nahm. Wir küssten und umarmten uns
liebevoll, lagen lange Zeit nur ineinander verschlungen so da
und hin und wieder, wenn die Wolken vorbeizogen und das
Mondlicht den Raum für kurze Zeit erhellte, konnte ich die
lieblichen Züge ihres Gesichts erkennen. Dann strich ich ihr
sanft mit meiner Hand über die Wange, die Augenbrauen und
Lippen. Solang bis es diese wieder zu den meinen zog und wir uns
wieder und wieder küssten, umarmten und streichelten. Und mit
jeder Minute die in dieser Nacht verging legten wir noch ein
Stück mehr Gefühl hinein. In diesem Moment wünschte ich, dass
diese eine Nacht nie zu Ende gehen würde...