Devian & Corvina
Seit Anbeginn der Zeit gibt
es unter uns Menschen eine Hand voll Wissender derer man einen
von ihnen Pernidas nannte. Ein Greis mit langen weißen Haaren,
eingefallenem Gesicht und knochigen Händen. Hände die ein langes
und bewegtes Leben widerspiegelten, gezeichnet mit Narben und
Verletzungen der Vergangenheit. Pernidas war einst Krieger der
alten Zeit, ein Überbleibsel längst vergangener Tage. Einer der
am Glauben der alten Götter festhielt und dem Neuen nichts
abgewinnen konnte. Und so wurde Pernidas zu einem einfachen
Mann, einem Wanderer der sich am Morgenrot ebenso zu erfreuen
vermochte wie an einer warmen Mahlzeit und einem Dach über dem
Kopf. Sein Schwert war schon längst einem einfachen Wanderstock
gewichen und immer wenn er den beschwerlichen Weg über die
weiten und bewaldeten Ebenen auf sich nahm machte er an diesem
kleinen Ort nahe der Lichtung an der Quelle halt. Dort wo man
ihn stets freundlich aufnahm, ihm eine warme Mahlzeit gereichte
und eifrig seinen Worten lauschte. Eine Schar kleiner Kinder
versammelte sich um den alten greisen Mann, welcher allein schon
durch sein Aussehen zu beeindrucken vermochte. Doch noch viel
beeindruckender waren die Geschichten die der alte Mann zu
erzählen wusste. Eine Geschichte hörten die Kinder aber immer
besonders gern, nämlich die vom Sohn des Königs, der seine große
Liebe fand, feindlichen Mächten trotzte und… Nun, ich möchte dem
nicht vorgreifen. Lauscht und hört den Worten des alten Mannes.
Die Kinder rückten am Lagerfeuer ganz nah zusammen und die Alten
stopften sich gemütlich ihre Tabakpfeifen. Das leise Flüstern
und Tuscheln der Kleinen verstummte, während sich der helle
Schein des Feuers im Gesicht des alten Mannes widerspiegelte.
Noch einmal schaute Pernidas andächtig in die Runde. Kein Laut
außer dem Knistern des Feuers und dem Rauschen der Baumkronen im
Wind drang mehr hinaus in die Dunkelheit als er leise zu
erzählen begann:
„Nun denn, wo wir uns zu jener späten Stunde an einem
beschaulichen Ort wie diesen zusammengefunden haben, möchte ich
Euch eine alte Geschichte erzählen. Glaubt mir, eine sehr alte
Geschichte, denn ich selbst war noch so jung wie ihr als mein
Großvater mir das erste Mal davon berichtete.“
„Das muss dann aber schon fast hundert Jahre her sein“,
flüsterte ein kleines Mädchen, welches sich verschreckt durch
die eigenen Worte hinter ihrer älteren Schwester versteckte.
„Da hast Du gar nicht mal so unrecht“, sprach der alte Mann und
bat das kleine Mädchen, es möge sich doch zu ihm setzen. Mit
einer Geste des Vertrauens reichte er dem Kind die Hand auf das
es zu ihm kommen sollte. Noch immer etwas ängstlich stand das
Mädchen auf und setzte sich auf einen der Steine neben Pernidas,
welcher einige Äste in das Feuer warf und mit seiner Geschichte
fortfuhr.
„Hab keine Angst vor mir. Ich bin nur ein alter Mann mit einer
noch älteren Geschichte. Die Menschen vergessen nur all zu
schnell Vergangenes, ihre Helden von einst und mit ihnen auch
die Geschichten vergangener Tage. Doch gerade diese Geschichten
sind es die uns zeigen woher wir kommen, wer wir sind und wohin
wir gehen. So auch die Geschichte von Devian, dem jungen Sohn
des einstig eltischen Königs und Corvina, seiner wunderschönen
Braut aus den fernen Wäldern der Nymphenreiche. Wir allein
tragen ihr Erbe aus vergangenen Tagen und der Wandel der Zeit
sollte sie dennoch nie gänzlich in Vergessenheit geraten lassen.
Nur wenige wissen noch um das Schicksal jener Beiden, und
manchmal hört man in den lauen Sommernächten noch immer an den
Lagerfeuern die Geschichte, aus jener Zeit weit vor der
unseren.“
Elt, ein beschauliches Fleckchen Erde weit oben im Norden,
umgeben von tiefgrünen und dicht bewachsenen Laubwäldern, weit
ausragender Hügelketten, klarer Seen und ertragreichen Feldern.
Durchzogen von kleinen Bächen, mündend in ein tiefblaues Meer,
welches die Sonne eines jeden Sommertages glitzernd
widerzuspiegeln vermag. An den Ufern dieses Meeres lebt unser
Volk schon seit Anbeginn der Zeit. Friedliebend und stets darauf
bedacht mit unseren Nachbarn jenseits des großen Waldes in
trauter Einigkeit zu leben. Und dennoch zog es unser Volk hinauf
in die Kronen der Bäume, unerreichbar für wildes Getier und
unliebsame Gäste. Alte Überlieferungen zeugen vom Jahr 300 des
zweiten Zeitalters, eine Zeit der Kriege, Pestilenz und allerlei
gerüsteten und umherziehenden Gesindels nördlich der Abariansee.
Auch wenn die Zeiten friedlich geworden waren, so hatte man sich
doch im Laufe der Jahrhunderte an das Leben in den Baumwipfeln
gewöhnt.
Lediglich das Anwesen der Königsfamilie zu Elt befand sich
erhoben und umgeben von geschützten Mauern mit schweren eisernen
Toren auf der Klippe zu Eltisch Wall. Einem riesigen
Felsvorsprung, erhaben thronend über den Baumhäusern und weit
über die sandige Bucht hinausragend. Im Laufe der vielen
Jahrhunderte entstand in den Bäumen eine richtige kleine Stadt,
deren Häuser über Laufstege und Strickleitern miteinander
verbunden waren. Eine immergrüne Idylle, in derer Menschen
friedlich miteinander zu leben vermochten. Man ernährte sich von
den Früchten der Felder, den zahlreichen Fischen in den
umliegenden Bächen und der Ausbeute der Jagd.
Die Kinder spielten vergnügt in den Kronen der Bäume oder
rutschten voll ungestümen Geschreis auf dafür eigens gebauten
Rindenbahnen hinab zum Boden. Pferde grasten ungestört auf den
weiten mit lieblichsten Gräsern bewachsenen Lichtungen, während
das leise Plätschern der kleinen Bäche einem von ganz allein
jegliche Ungemach vertrieb.
Selbst die Sonne glaubte man auf seiner Seite, denn nur selten
trübten von Seiten des Meeres aufziehende Regenwolken das
idyllische Bild. Sie vertrieb den grauen undurchsichtigen Nebel
und hauchte ihr rötliches Antlitz über die Wipfel der Bäume bis
es sich mit dem hauchzarten Grün des Waldes vermischte und
schließlich abends hinter den dicht bewaldeten Hügelketten am
Horizont verschwand. Tag für Tag für Jahr und Jahrhundert. Eine
Vielzahl bunter Vögel durchzog die Luft, und das Wild des Waldes
war so zahlreich, dass man es auf den unzähligen kleinen
Lichtungen fast mit der Hand hätte einfangen können wenn man
denn nur schnell genug wäre. Allabendlich saßen die Männer an
den Lagerfeuern zusammen und philosophierten über längst
vergangene Zeiten und Erfolge der letzten Jagd. Die Frauen indes
vertrieben sich die Zeit mit kunstvoller Gestaltung von
Gewändern und Schmuck.
Die einzelnen Familienclans verteilten sich über unzählige
Lichtungen des tiefen und nahezu undurchdringlichen Waldes und
blieben so dennoch nahe den zu bewirtschaftenden Feldern. Alle
betätigten sich Hand in Hand. Ob auf auf den Feldern, der Jagd,
beim Fischfang oder den vielen anderen alltäglich zu
verrichtenden Arbeiten.
Die Vorfahren des jetzigen König Midas waren die die einst die
eltischen Clans einten und das Volk zu dem machten was es heute
ist. Als die Heerscharen König Anaids gegen Ende des Ersten
Zeitalters über viele Jahre hinweg auf grausamste und
unvorstellbarste Weise über die Ländereien Elts herfielen, trieb
es die Bewohner in die nahe gelegenen Wälder. Kaum ein Hof der
nicht niedergebrannt, kaum ein Stück Vieh das nicht bestialisch
abgeschlachtet wurde. Selbst der kleinste Funke an Widerstand
wurde im Keim gewaltsam erstickt und bedeutete nicht selten den
Tod des gesamten Clans. Jenes unsägliche Schicksal zog sich wie
ein dunkler Schleier über die einst so lieblichen Wälder und
Felder Elts.
Doch ein Clan, angeführt von einem Stammesführer namens Devinus,
Vorfahre des heutigen König Midas, lehnte sich gegen diese
Tyrannei aus dem hohen Norden auf und zahlte sein Tun mit einem
hohen Blutzoll. In verlustreichen Kämpfen drängten sie die
Söldner Anaids bis weit in das Gebirge hinein, wo sie auf bis
heute ungeklärte Weise in den tiefen Schluchten für immer
verschwanden. Das dunkle Zeitalter ging vorüber und eine eine
Zeit des Glücks sollte für die Menschen kommen. Heil Corvinus,
Heil dem neuen König …
Die Geschichte die ich Euch erzählen möchte begann mit dem Tag,
als ein fremdes Schiff im morgendlichen Nebel vor der Küste Elts
auftauchte. Schwarz wie von einem dunklen Schleier umgeben, mit
zerfetztem Segel und gebrochenem Ruder. Langsam und bedrohlich
steuerte jenes Ungetüm auf das Ufer zu, bis es seine Fahrt
schließlich im seichten Wasser mit einem lauten bersten des
Rumpfes beendete. Die meisten Bewohner hatten das nahende
Schauspiel beobachtet und sich bereits am Ufer versammelt. Alle
schauten wie gebannt in Richtung des bedrohlich anmutenden
Schiffes. Auch Devian, zweitältester Sohn König Midas, jüngerer
Bruder von Udor dem Erstgeborenen, und sein bester Freund Tidor.
Beide waren auf dem besten Wege zu Mann und Krieger
heranzuwachsen und standen fast schon andächtig vor dem Bug des
schwarzen Riesen. Kein Laut, kein Räuspern kam über die Lippen
der Staunenden, während der Wind leise durch die zerfetzten
Segel strich.
Selbst die Kinder, die noch vor wenigen Minuten spielend und
kreischend auf den Wegen und Wiesen umhergetollt waren,
klammerten sich nun ängstlich an die Rockzipfel ihrer Mütter.
Einige Krieger bauten sich mit gezogenen Schwertern vor dem
Schiff auf während andere es zu Pferde mit Speeren bewaffnet
umkreisten. Die Menschenmenge war zurückgewichen und pure Angst
machte sich breit, während die Hufe der Pferde den sandigen
Boden zum beben brachten.
Doch nichts, kein Lebenszeichen. Absolute Stille, wenn man mal
vom leisen Rauschen des Windes absah. Das Schiff lag nur still
da, während die Wellen des seichten Wassers gleichmäßig gegen
die Schiffsplanken schlugen. Ein ungutes Gefühl machte sich
unter den Männern breit und es stank fürchterlich. Gerade zu
nach Verwesung und Tod. Mit einem gar ohrenbetäubenden Bersten
des Hauptmastes wurden die Anwesenden aus ihrer Lethargie
gerissen und einige der berittenen Krieger konnten mit ihren
Pferden gerade noch so das Feld räumen, ehe sich Teile des Masts
in das sandige Ufer bohrten.
Nur knapp verfehlte dieser Devian, der mit Tidor gerade das
gebrochene Ruder begutachten wollte. Nur ein beherzter Sprung
der Beiden verhinderte Schlimmeres. Was den Männern aber
auffiel, war die Ähnlichkeit des Schiffes zu den eigenen. Es war
größer und mächtiger in seiner Erscheinung und sicher bei weitem
nicht so schnell wie die eigenen Schiffe, aber dafür war es um
ein Vielfaches besser bewaffnet. Zweifellos musste es sich um
ein wormoksches Schiff handeln, auch wenn man dies auf Grund der
zahlreichen Beschädigungen nur noch vermuten konnte. Seit vielen
Jahren schon trieb man einen regen Handel mit den Menschen aus
dem benachbarten Wormok, doch waren deren Handelsschiffe meist
kleinere Schuten, die problemlos die Sandbänke an der felsigen
Nordostküste umschiffen konnten ohne von Windböen getrieben an
jener zu zerschellen.
Doch dieses Schiff schien geheimnisvoll. König Midas zu Elt
verband eine lange Freundschaft mit dem Königshaus Finians von
Wormok. Die Zeiten waren friedlich und von ehrlichem Handel
gezeichnet. An ernsthaften Kriegshandlungen hatte sich in den
vergangenen Jahrzehnten keines der beiden Länder mehr beteiligt.
In seiner Jugend zog der junge König Midas einst mit einer
Flotte von zwölf Schiffen gegen Piraten, welche in der
Abariansee – dem eltischen Meer ihr Unwesen trieben. Acht
Schiffe des ebenso jungen König Finians verbündeten sich mit
ihnen und gemeinsam treib man die Piraten in die Mündung des
Flusses Sinta wo die schweren Piratenschiffe schließlich auf
Grund liefen und vernichtend geschlagen wurden. Doch das ist nun
schon viele Jahre her und nur ein paar verkohlte Wracks am
Flussufer zeugen noch von den Geschehnissen jener Zeit.
Und doch ließen unzählige Beschädigungen am Rumpf des Schiffes,
Pfeile und Speere die noch in ihm steckten vermuten, dass die
Krieger dieses einst so stolzen Schiffes in schwerste Kämpfe
verwickelt worden sein mussten. Doch was um der Götter Willen
war geschehen …?
Nach und nach legte sich die anfängliche Aufregung wieder und
der Anführer der Reiterei befahl abzusitzen. Gemeinsam mit den
anderen Kriegern begutachtete man die Schäden am Schiffswrack
und kam zu der Erkenntnis, dass das Schiff in jedem Fall
auseinander gebrochen und gesunken wäre, hätte es der Wind nicht
an das eltische Ufer getrieben.
Doch plötzlich durchbrach ein leises Wimmern die Stille, kaum
wahrnehmbar und doch laut genug um die Anwesenden in helle
Aufregung zu versetzen. Zwei Krieger fassten sich ein Herz und
kletterten mit eilig herbeigeholten Seilen den Rumpf empor.
Udor, ältester Sohn der königlichen Familie zu Elt und Lamaneus,
ein vor vielen Jahren in die eltische Gemeinschaft
eingeheirateter Krieger aus der neuen Welt, verschwanden im
Rumpf des beschädigten Schiffes. Minuten, die den Wartenden wie
eine Ewigkeit vorkamen vergingen, ehe sich die beiden Männer
wieder an den Seilen herabließen. Im Arm hielt Lamaneus einen
Jungen in königlichem Gewand. Ein Junge von edler Herkunft,
welcher nur ein paar unverständliche Worte stammelte ehe er das
Bewusstsein verlor. Wieder trockenen Boden unter den Füßen legte
Lamaneus den Jungen vorsichtig ab, während Krieger zwei Speere
an einer Pferdedecke befestigten. Vorsichtig betteten
Dorfbewohner den Kleinen auf die mit Stroh ausgelegte Trage.
„Bringt ihn zu meinem Vater!“ rief Udor den Dorfbewohnern zu.
Udor und Lamaneus schauten sich einen kurzen Moment schweigend
an und Tidor viel auf, dass der Sohn des Königs fast schon
zitternd den Griff seines Schwertes umklammerte. Was aber konnte
einem so gestandenen Krieger wie Udor einen solchen Schrecken
eingejagt haben. Udor versuchte sich vor seinen Männern nichts
anmerken zu lassen und auch Lamaneus mied den Blickkontakt zu
den anderen. Udor befahl Wachen am Schiffswrack aufzustellen und
folgte dann mit seinen Männern den Dorfbewohnern in Richtung der
königlichen Gemäuer. Doch in Devian und Tidor war eine gar
unstillbare Neugier geweckt. Und so beschlossen die Beiden sich
des Nachts an den Wachen vorbei auf das Schiff zu schleichen.
Man würde dem Geheimnis schon auf den Grund kommen. Dies sollte
für den jungen Königssprössling nicht das letzte Mal sein, dass
Neugier über Vernunft siegte...